Projektbereiche

Projekt Gute Gründe

GUTE GRÜNDE, oder: Soll die Kunst kommen oder bleiben, wo der Pfeffer wächst?

Marchtrenk ist nicht gerade das, was man eine touristische Perle nennt. Bei unserem ersten Besuch zeigt sich die Gemeinde an der Traun eher abweisend und verschanzt hinter hohen Zäunen, dichten Hecken und beeindruckenden Betonmauern. Als lang gestreckte Streusiedlung hat sich der Ort mehr funktional als schmuck zwischen Bahnstrecke und Bundesstraße eingenistet. Ein wirklich belebtes Zentrum fehlt, Einfamilienhäuser, die sich nach außen abkapseln, dominieren und als Gast weiß man nicht so recht wohin. Wir fühlen uns seltsam unwohl und fragen uns: Was haben wir hier zu tun? Das Festivalmotto liest sich auf einmal ganz anders: Ungebetene Gäste?! Sind damit nicht wir Künstler und Künstlerinnen gemeint - der ganze Kunstzirkus, der sich an der Ödnis reibt und auf der Suche nach Austausch, Irritationen und kühnen Setzungen redlich nach Ansatzpunkten forscht, um dann wieder zu verschwinden? Braucht man uns hier? Und will hier überhaupt irgendjemand wirklich, dass die Kunst kommt?

gute gruende

Zeitgenössische Kunst ist oft ungebeten. Besonders wenn sie ortbezogen, intervenierend oder einmischend agiert und sich nicht in den hochkulturellen Schutzräumen der Museen versteckt. Die Lebensroutinen der allermeisten Menschen tangiert aktuelles Kunstschaffen nicht. Und Kunst, die ländliche Gebiete infiltriert, muss sich immer besonders und anders mühen als in den Metropolen.
In Marchtrenk drängen sich die Ansätze für unsere Arbeit nicht unmittelbar auf.
Wir sind zu Beginn ratlos und stellen uns die Frage, ob es trotzdem GUTE GRÜNDE für die Kunst an diesem Ort geben kann? Sollten wir diese Frage womöglich weiterreichen? An die, die hier leben und die, die dieses Festival eingefädelt haben?
Schließlich fragen wir: Welche GUTEN GRÜNDE könnte es für ein erhöhtes Kunstaufkommen in Marchtrenk geben? Oder – soll die Kunst kommen oder bleiben, wo der Pfeffer wächst? Wir wagen das Experiment und geben diese Frage zurück an 13.000 Einwohner, die Stadtverwaltung und Festivalmacher.

gute gruende

Fragen, die darauf zielen, ob Kunst gewollt wird, haben wohl kaum eine Chance auf Antworten, wenn sie pauschal gestellt werden. Doch was ist, wenn man sie gezielt widmet und das Gegenüber sehr direkt anspricht? Wenn man sich mehr oder weniger aufdrängt und auf den Pelz rückt? So durchstreifen wir im Vorfeld des Festivals die Gemeinde Marchtrenk und fotografieren, was uns dort an alltäglichen Besonderheiten begegnet. Dabei widmen wir uns vornehmlich den Wohngebieten und schauen über Gartenzäune, auf Pflanzkübel und Spielplätze, in Wirtschaften oder auf Parkplätze, fotografieren Fassaden, Abstellecken, Mauern, Heckenskulpturen und Gardinenfronten. Immer wieder bleibt unser Blick an übermannshohen Zäunen hängen. Wir halten fest, was uns auffällt und staunen an vielen Stellen über die Facetten der nach außen sichtbaren Wohnpraxis.
Aus eingefangenen Eindrücken werden Postkartenmotive ausgewählt. Jede Postkarte ist individualisiert und soll durch die Wahl des Motivs die Empfänger ansprechen und zur Antwort herausfordern. Parallel zu dieser gezielten Ansprache einiger, findet zudem eine groß angelegte Versendeaktion statt, die sich an alle Haushalte der Gemeinde richtete.
Wir fragen Marchtrenk und die Stadt antwortet. Auch wenn wir nicht von Rücksendungen überschwemmt werden, arbeiten wir freudig mit dem, was an Botschaften zurückkommt. Aus den unterschiedlichen Mitteilungen werden Plakattexte extrahiert, die während des Festivalzeitraums im öffentlichen Raum auftauchten und in Ausschnitten zeigen, was Marchtrenk von der Kunst will. Im Festivalbüro versammeln sich außerdem alle in die Stadt ausgesandten Postkarten in einer Schaufenster-Präsentation. Fast nebenbei ist so ein auf spezielle Details fokussiertes Porträt der Gemeinde entstanden.

gute gruende

In Sichtweite zur Postkartenausstellung sitzend belauschen wir schließlich während der ersten Festivalwoche ein Gespräch: „Schau, das ist unser Haus.“ „Ja, und das ist der Garten von (…).“ „Ich habe lange nachgedacht, was ich antworten soll. Ich war aber einfallslos. Inzwischen wüsste ich, was ich schreibe.“ Wir freuen uns über das kurze Aufblitzen eines eher verborgenen Diskurses, der vor allem im Inneren der Gemeinde stattgefunden hat.
So hat GUTE GRÜNDE am Ende drei Reaktionen provoziert: Das große Schweigen der Mehrheit, was auch eine markante Botschaft ist. Die virulenten, aber im Verborgenen laufenden Diskussionen im Vorfeld des Kunstfestivals, die durch die postalische Befragung noch einmal befeuert wurden. Und die beherzten Antworten derer, die einen Standpunkt einnahmen und ihn auch kundgetan haben. Letzteren danken wir besonders – ihre unterschiedlichen Stimmen wurden im Stadtraum sichtbar und machten klar, dass „Kunst für eine Stadt wie Marchtrenk unverzichtbar ist.“

FDR ArtnerFDR ArtnerFDR Artner
Fotos: Norbert Artner

FDR Vogt
Foto: Julia Vogt