Projektbereiche

Projekt Gropiusstadt

Urlaub in der Gropiusstadt, Juli 2007



Reiseerinnerungen von Ingke Günther & Jörg Wagner
und Empfehlungen für künftige Touristen

Auf Einladung des "Pilotprojekts Gropiusstadt" und rechtschaffen urlaubsreif treten wir im Juli 2007 unsere Reise aus ländlicher Region mit dem Ziel Gropiusstadt an. Hier erwartet uns die großzügige und funktional eingerichtete Künstlerwohnung des internationalen Residenzprogramms. Ausgerüstet mit den nötigen Freizeitutensilien, Picknickdecken, ausreichend Lektüre und Kamera machen wir uns auf, um für eine Woche in die 12. Etage des 24-stöckigen Gropiushauses in der gleichnamigen Großsiedlung mit Stadtrandlage im Berliner Südosten zu ziehen.

Unser Konzept: Neugieriges Erobern des fremden Ferienterrains Trabantenstadt.
Unser Urlaubsschwerpunkte: Streifzüge per pedes und Rad durchs Gelände, Ausloten der Verweilqualitäten, kulinarische Forschung und architektonische Detailbetrachtungen.
Unser Souvenir:
Eine nach dem Urlaub produzierte Postkarte von Gropiusstadt, die unsere Eindrücke bebildert und an Reisebekanntschaften und Freunde versendet wird.
Unser Service:
Die hier versammelten Empfehlungen für zukünftige Touristen.

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Mit Blick in das Halbrund des Walter´schen Wohnkolosses und vis-a-vis des 32-Stöckers, Idealhochhaus genannt und ebenfalls von Gropius entworfen, wird der Balkon der Urlaubswohnung für uns und unsere Gäste schnell zum bevorzugten Ort und logenartigen Ausguck. Hier funktioniert das Ensemble moderner Wohnmaschinen in seiner Ausschnitthaftigkeit als spektakuläres Bild, das ästhetisch überwältigt.
Auf den diversen Balkonen des amphitheaterähnlichen Gebäudes bieten sich dem ausdauernden Betrachter ständig wechselnde Szenerien mit unterschiedlichem Personal. Nachts wandeln sich die kleinen dreidimensionalen Bühnen in ein buntes Lichtbild, dessen flackernder Rhythmus oft vom gleichen Fernsehprogramm bestimmt wird. "Gibt es wohl noch jemanden außer uns im Haus, der ohne Fernseher ist?" Außerdem: Fledermäuse, die zappeligschnell die Hochhauswände wie Steilküsten umflattern.

Und viel Grün. Davon hatten wir schon vor Antritt unserer Reise gehört. Ein breiter Grünzug markiert überirdisch den Verlauf der U7 und schiebt sich großflächig durch die Häuserschluchten. Oft überraschen unvermutete Perspektiven und Eindrücke - mal wähnt man sich im dichten Wald, abgeschirmt von den Hochhaussteilwänden, mal glaubt man sich eher im kleinstädtischen Park - mal überraschen scheinbar naturbelassene Areale mit Blumenwiesen, mal ausgedehnte Agrarflächen und Stoppelfelder im Rücken der Wohntürme.

Die Gropiusstadt ist grün - und weitläufig. Die langen Distanzen bewältigt der Bewohner gerne bewährt mit rollenden Einkaufshilfen. Als wir unsere Reise antreten - ausgerüstet mit ähnlichem Gerät, das uns häufig bei unseren Kunstaktionen begleitet - fühlen wir uns anachronistisch und etwas schräg. In der Großsiedlung angekommen, müssen wir feststellen, dass unsere schottenkarobemusterten "Shopper" hier zur ganz alltäglichen Grundausrüstung gehören. Außerdem, aufgrund benannter Entfernungen, sind häufig anzutreffende Fortbewegungshilfen: Rollatoren und motorbetriebene Rollstühle.

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Die Gropiuspassagen - 1994 als "Aufwertungsmaßnahme" und neue "Stadtmitte" in der Siedlung installiert. Als größtes Einkaufszentrum Berlins zieht es nicht nur die Bewohner der Großsiedlung an. Diese und ihre beräderten Einkaufshilfen spült der Grünzug jedoch direkt in den Konsumtempel. In der erlebnisarmen Schlafstadt sind die Passagen nicht nur ein Einkaufsparadies, sondern der Freizeitpark schlechthin.
Stolz erzählt uns eine überzeugte Gropiusstädterin. "Hier kann man getrost Gäste hinführen, ohne sich schämen zu müssen. So eine gute Restaurantauswahl! Und immer wechselnde Ausstellungen!" Die aktuelle Dinosaurierschau schreckt uns in ihrer in Plastik gegossenen Lieblosigkeit allerdings nachhaltig. Immerhin gibt es in den Gropiuspassagen auch ein Kino, das erste und einzige im Bezirk. Auch wir nutzen es zur Abendgestaltung.
Im Rücken der Passagen ein kleiner nagelscherengepflegter und videoüberwachter Park. Hier finden wir den einzigen funktionierenden Brunnen der Gropiusstadt.

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Auch andere Bewohner, die wir nach dem besten Imbiss fragen, verweisen immer wieder auf den schlecht durchlüfteten Einkaufsmoloch. Auch dem gehen wir nach. Lieber essen wir allerdings an der frischen Luft.

Unsere erprobten Imbiss- und Restaurant-Empfehlungen sind:

Thai-Imbiss "Sawaddi" - Zwickauer Damm 7 - leckeres und preiswertes asiatisches Essen in krudem, überdekoriertem Vorgartenambiente

Artrium Restaurant im Gemeinschaftshaus - Bat-Yam-Platz 1 - gutes Essen, bevorzugt einzunehmen auf den knallorangen Terrassenstühlen; ein uns begleitender Gast empfiehlt: Leber; überaus freundliche Bedienung!

Bettys Café - Fritz-Erler-Allee 110 - Strandcafé!!! mit Hollywoodschaukeln und Blick auf die Rückseite des Gropiushauses; sonntags reichhaltiges Brunchbuffet, auch sonst erstaunlich gemixte Angebotspalette für ein Café: z.B. Ritter- oder Sushi-Essen

Gyrosland - Fritz-Erler-Allee 59 - vom bemühten Neuwirt werden die besten Souvlakis der Gropiusstadt angekündigt; wir befinden: stimmt, wunderbar zartes Fleisch! Auffällig preiswert ist der Grieche außerdem!

Pizzeria Mandolino - Fritz Erler-Allee 61 - ordentliche Pizza mit nicht zu dickem Teig; leckere Picknickverpflegung; bisweilen meint man es allerdings mit dem Käsebelag etwas zu gut

Aktuelle Tipps zu Restaurant-Neueröffnungen oder andere lokale Nachrichten sind dem walter , der Zeitung aus der Gropiusstadt, zu entnehmen. Beim Bäcker zufällig aufgestöbert und kostenlos mitgenommen, war er uns ein überaus wertvoller Reisebegleiter.

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Picknicktipps für Gropiusstadt: lieber festen Untergrund suchen. Das viele Grün ist leider, da der Gropiusstädter häufig dem Hund zugetan ist, nicht immer karodeckentauglich und die von Gropius so benannten "Tummelplätze" sind eben vor allem solche für Vierbeiner.
Brötchen für ein Frühstückspicknick sind am besten bei EDEKA am Bat-Yam-Platz zu kaufen, da wesentlich leckerer als jene vom Bäcker. Dort sollte man auch tunlichst drauf verzichten, einen Milchkaffee mitzunehmen.

Erprobte Picknickorte: für ein Bankpicknick sind das Rosengärtchen hinter dem Gemeinschaftshaus oder das "Meditationsquadrat" am Rande des Vogelwäldchens zu empfehlen. Picknickdecken kann man gut im Gartenpavillon im Grünzug zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen ausbreiten. Hier besticht der Blick auf die umgebende Wiese mit hübschen, kleinwüchsigen Wildapfelbäumen.


Für Erkundungsrouten in Gropiusstadt und Orientierungstouren in der weiteren Umgebung ist das Ausleihen von Fahrrädern im "RadSportCenter" in der Hugo-Heimann-Str. 10 zu empfehlen. Fahrradmann Horst Haesler ist zwar erstaunt über den vorgetragenen Wunsch, Fahrräder zu entleihen, gibt dann aber bereitwillig seine besten Stücke her. Waren wir möglicherweise die erste Leihkundschaft?

Manch Unerwartetes lässt sich zwischen den Hochhäusern finden: ein Reiterhof im Schatten der Hochhäuser (der die irritierenden und des Zynismus verdächtigten Reitverbotsschilder in der gesamten Gropiusstadt erklärt) - gepflegte Bungalowreihen zwischen den Hochformatern - wilde, großflächige Blumenwiesen - und plötzlich: eine Windmühle mitten im Schlafstadtareal.

Auch Kioskliebhaber kommen hier auf einen ganz besonderen Genuss: an der U-Bahnstation Lipschitz-Allee findet sich ein außergewöhnliches, blickdicht verklebtes Exemplar, das sich trotz Verhüllung detailreich offenbart.

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Empfohlene Ausflüge in die nähere Umgebung:
1. Annäherung über die weiten Felder im Norden an die Gropiusstadt. Über ehemaliges Ostgebiet und entlang des noch nachvollziehbaren Grenzstreifens fährt man mit dem Fahrrad durch Ruderalbewuchs und Ackerland auf die im Rücken freie Trabantenstadt zu. Einmalige und gleichsam unwirkliche Perspektive
2. Ein Muss: die Hufeisensiedlung von Bruno Taut. Beeindruckende Gesamtanlage - aber befremdliche Verbotsschilder in wichtigen Blickachsen. Tauts hufeisenförmige Anlage hat Walter Gropius zur Übernahme des Halbrundelements in seinen Großsiedlungsplan inspiriert. In der Umsetzung gerann der in der ersten Planung mannigfaltige verwendete halbe Kreis zum einzigen Halbrund in Gestalt des Gropiushauses.
3. Als Kontrastprogramm und zur Naherholung: der Britzer Garten - ehemaliges BUGA-Gelände mit allem, was zu einem überpflegten Park gehört - mit Spielarealen für Kinder und stilleren Flecken für Enten und ruhebedürftige Menschen - wirklich frappierend: das wunderbar-weiche Gras.

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Und immer wieder Erstaunen, Erschütterung und Detailverzückung ob der architektonischen Gegebenheiten. Viel Hohes, viel Hässliches oder Bedrückendes, aber auch im Detail oder Ensemble Gelungenes und frisch Renoviertes. Es tut sich was in der Gropiusstadt. Und das, was ihrem Ruf an Tristes vorauseilt, lässt sich längst nicht überall bestätigen. Natürlich wächst die Fotosammlung rasant - "Fassadenliebhaber" Wagner kramt ständig in der Fototasche.

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Bestechend sind die - wenn auch eher flüchtigen - Begegnungen mit den Menschen in unserem Urlaubsareal. Ob im Fahrstuhl, beim Einkaufen oder in den Gaststätten unserer Wahl - man behandelt uns freundlich und hilfsbereit, zuvorkommend und beim Essen geradezu liebevoll umsorgend. Nur die einmal vorgefundene Urinlache im Fahrstuhl empfinden wir als krass unhöflich. Wie aller Unrat im Haus verschwindet sie aber binnen weniger Stunden. Überhaupt ist "unser" Gropiushaus eines, um das man sich kümmert.

Im Treppenhaus ist das erwartungsgemäß weniger der Fall - hier finden sich die üblichen Spuren jugendlicher Langeweile. Aufgrund der Stockwerkvielzahl und des nötigen wie bequemen Fahrstuhlangebots bleibt das Treppenhaus ein wenig frequentierter Ort, an dem man ungestört allerlei Botschaften und Schimpftiraden loswerden kann.
Die immer gleichen, wenig einfallsreichen Kraftausdrücke fordern mich - da seid geraumer Zeit Schimpfwortsammlerin - heraus. Mit Buntstiften, die frisch in den Gropiuspassagen erstanden wurden, füge ich in aller Heimlichkeit einige aus der eigenen Sammlung hinzu.

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Zum Abschluss und zusammenfassend: Ja, die Gropiusstadt ist eine Reise wert! Denn sie bietet durchaus Überraschendes, Widersprüchliches, erstaunliche Details und offene Menschen. Mit der nach Ende unseres Aufenthalts produzierten Postkarte grüßen wir unsere Urlaubsbekanntschaften und schicken die Botschaft in die Welt:
"BESUCHEN SIE DIE GROPIUSSTADT!"

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Mehr zum Pilotprojekt:
www.pilotprojekt-gropiusstadt.de

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